Lean­der Hauß­mann: „Es ist erst der Anfang“

Film- und Thea­ter­re­gis­seur Lean­der Hauß­mann gab uns auf der Mon­tags­de­mo am 18. Juli 2011 ein Inter­view auf dem Markt­platz Fried­richs­ha­gen.

Inter­view im Wort­laut:

Was hal­ten Sie von den geplan­ten Flug­rou­ten?

Natür­lich ste­he ich zu die­sen Flug­rou­ten sehr nega­tiv, aber vor allem ste­he ich sehr skep­tisch dem Ver­fah­ren gegen­über, wie uns das mit­ge­teilt wur­de und wie es sozu­sa­gen beschlos­sen wur­de.
Das wider­spricht doch allen demo­kra­ti­schen Regeln, die wir uns auch irgend­wie anders vor­ge­stellt hat­ten als wir ’89 die Mau­er ein­ris­sen. Und wenn mir sowas zu Ohren kommt, dann wer­de ich auch tätig, böse, und dann hat man den schla­fen­den Hund geweckt, und dann wird man mich auch nicht mehr los. Übri­gens auch nicht, wenn sich an dem Beschluß nichts ändert, auch nicht, wenn die Flug­zeu­ge hier rüber­flie­gen. Ich hör dann nicht auf. Ich habe schon ganz ande­re Leu­te mit Brie­fen und mit Beharr­lich­keit in die Knie gezwun­gen.

Was für Aktio­nen pla­nen Sie?

Wir sind noch am Anfang der Pla­nung, aber wir wer­den wahr­schein­lich so weit gehen, daß wir hier ent­spre­chen­de Stel­len beset­zen, Rat­häu­ser, daß wir Fried­richs­ha­gen absper­ren und daß wir hier eine eigene­ne Regie­rung grün­den, die Demo­kra­tie vor­lebt, so wie wir sie uns vor­stel­len. Übri­gens mit einem eige­nen Staat und mit der eige­nen Sou­ve­rä­ni­tät geht natür­lich auch eine Flug­ver­bots­zo­ne ein­her.

Was erwar­ten Sie von den Poli­ti­kern?

Ich erwar­te von den Poli­ti­kern Anstand, Höf­lich­keit zunächst ein­mal und Respekt vor ihren Bür­gern, und daß sie sich nicht, wobei ich das durch­aus ver­ste­hen kann, daß man das mag – Musi­cals und Fashion Weeks usw. und Cham­pa­gner sau­fen und Scha­len­tie­re fut­tern – ganz mein Ding, aber trotz­dem, wenn sol­che Din­ge pas­sie­ren, und es sind hier nicht nur 100 son­dern 100.000 oder 200.000 Bür­ger, die das betrifft, dann hat man sich gefäl­ligst an die Orte des Gesche­hens zu bewe­gen. Das ist ihr Job. Dafür wer­den sie von uns im übri­gen bezahlt, was sie manch­mal ver­ges­sen, auch wenn sie in ruhi­ge­ren Orten woh­nen.

Inwie­fern sind Sie per­sön­lich von den geplan­ten Flug­rou­ten betrof­fen?

Also ich sel­ber bin inso­fern betrof­fen, als daß ich hier woh­ne. Aber das muß nicht sein, also ich kann auch weg­ziehn. Ich hab Zigeu­ner­blut, ich muß her nicht blei­ben. Ich bin inso­fern betrof­fen als daß mei­ne gesam­te Fami­lie von hier kommt, also mei­ne Groß­el­tern waren hier schon. Ich glau­be, da wo unser Haus stand, in der Scharn­we­ber Stras­se, ist eine der weni­gen Bom­ben gefal­len. Die meis­ten Ver­wand­ten aus Fried­richs­ha­gen lie­gen hier auf dem Fried­richs­ha­ge­ner Fried­hof. Ich hab erst in der Scharn­we­ber gewohnt, dann am Gold­mann­park, dann habe ich mich bis zum Müg­gel­see hoch­ge­ar­bei­tet.
Und was mir halt so gefällt hier ist, daß das es kein Ort für VIPs, Poli­ti­ker und Pro­mi­nen­te ist, son­dern daß hier alle zusam­men woh­nen – Künst­ler, Pro­fes­so­ren, Hand­wer­ker, Arbei­ter in fried­li­cher Ein­tracht, in Ruhe, daß sie den Leu­ten aus Ber­lin, die hier­her kom­men, um sich zu erho­len von den schwe­ren Arbei­ten, der dre­cki­gen Luft, die dort ist, daß wir ihnen hier einen schö­nen Platz berei­ten, daß wir hier die Stel­lung hal­ten. Ich sehe es sozu­sa­gen als über­ge­ord­ne­te Auf­ga­be dage­gen zu kämp­fen. Das ist ein Stück Hei­mat und das wer­den wir nicht ein­fach so auf­ge­ben, nur weil Fried­richs­ha­gen weni­ger Lob­by hat als der Wann­see. Der Wann­see hat die Wannsee-Konferenz, wir aber haben hier den Fried­richs­ha­ge­ner Dich­ter­kreis. Hier hat Strind­berg gewohnt. Haupt­mann hat hier ‚Ein­sa­me Men­schen’ geschrie­ben. Hier wur­de die Volks­büh­nen­be­we­gung und die Volks­hoch­schu­le gegrün­det. Hier war immer die grü­ne Lun­ge von Ber­lin. Im Natur­thea­ter hat Hein­rich Geor­ge gespielt. Das muß man jetzt auch mal zur Kennt­nis neh­men und nicht immer auf die alten tra­di­tio­nel­len Orte in Ber­lin pochen. Hier ist auch sehr viel, was es zu erhal­ten gilt.
Hab ich das gut gesagt? Bin ganz in Form jetzt. Könnt sofort da hoch gehen und ’ne Rede hal­ten! … Sind schon alle weg.

Wie haben Sie die Demons­tra­ti­on heu­te erlebt?

Die Demo ist ein biß­chen struk­tur­los. Wir müs­sen Struk­tur rein­brin­gen. Demons­tran­ten sind auch nur Publi­kum, und die müs­sen ein biß­chen bei der Stan­ge gehal­ten wer­den. Mir fehlt ’n biß­chen die Musik. Okay, ich habe mich heu­te dar­über auf­ge­regt, daß ich nicht den Okto­ber­club hören möch­te von den ewig gest­ri­gen, die hier ver­su­chen auf einen Zug auf­zu­sprin­gen, der ihnen nicht zusteht, denn wenn es nach denen gegan­gen wäre, wür­den wir hier gar nicht stehn. Ich kann mich noch erin­nern, ’89 von einem Bul­len ver­folgt wor­den zu sein.
Son­dern wir haben uns hier eine Demo­kra­tie erkämpft und die soll­ten wir jetzt erst­mal aus­nut­zen.
Und die Struk­tur soll­te die sein, daß hier ein biß­chen Musik, ein biß­chen Kunst statt­fin­det, daß es einen Anfang und ein Ende gibt und vor allem, daß die Din­ge kon­kret blei­ben.
Daß es laut ist, wenn hier Flug­zeu­ge rüber­flie­gen, das wis­sen wir, daß die Umwelt geschä­digt ist, das wis­sen wir. Aber jetzt müs­sen wir mal sehen, wie wir wei­ter machen. Nicht daß die uns da aus­la­chen, denn die den­ken näm­lich, die kön­nen das aus­sit­zen. Und wenn es hier so wei­ter geht, dann kön­nen die das auch aus­sit­zen. Dann sit­zen die das auch aus. Und dann flie­gen die Flug­zeu­ge hier rüber und irgend­wann gewöhnt man sich dran. Und dann gibt’s ja auch die, die sagen: wie­so?- die Stra­ßen­bahn ist doch viel lau­ter als die Flug­zeu­ge usw. Ich glau­be, die wis­sen immer noch nicht, was es bedeu­tet, wenn alle acht Minu­ten ein Flie­ger im Tief­flug hier rüber saust.

Was machen Sie am nächs­ten Mon­tag?

Ich glau­be, daß man nicht immer unbe­dingt an die­sem Mon­tag fest­hal­ten soll­te. Es ist ein guter Ter­min, aber irgend­wann muß man auch mal raus aus Fried­richs­ha­gen, und zwar nicht nur nach Schö­ne­feld, son­dern nach Ber­lin. Man muß vors Rote Rat­haus. Wenn Wowe­reit nicht hier­her kommt … wenn der Phi­lo­soph nicht zum Volk kommt, muß das Volk zum Phi­lo­so­phen gehn. … Oder war es anders? Wenn der Phi­lo­soph nicht zum Berg geht, kommt der Berg zum Phi­lo­so­phen. Und die sol­len sich das nicht so leicht vor­stel­len. Es ist erst der Anfang.
Und was ich mir wün­sche, ist, daß hier ein biß­chen mehr jun­ge Leu­te her­kom­men. Das war mir heut ein biß­chen zu ver­greist.

Hier erhal­ten Sie den Wort­laut als PDF-Datei zum Nach­le­sen und Wei­ter­ver­tei­len.

Inter­view als Video (Fabi­an Wurbs | Film­ab­druck Medi­en­pro­duk­ti­on):

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